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Radio Grenzenlos im Europaparlament in Straßburg

Radio Grenzenlos im Europaparlament in Straßburg

Radio Grenzenlos im Europaparlament in Straßburg

Französische Schülerinnen lernen Deutsch, deutsche Schüler machen Interviews und ganz nebenbei produzieren sie dabei eine Live-Sendung aus dem Europaparlament. Bei „Radio Grenzenlos“ interviewen Jugendliche einmal im Monat Europaabgeordnete zu brisanten Themen. Wie die EU die Textilindustrie zu Nachhaltigkeit zwingen kann, dazu wurde in der Sendung vom 13. März 2019 der Vorsitzende des Handelsausschusses des Europäischen Parlaments, Bernd Lange, befragt.

Valentin, Elftklässler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Waldkirch, ist angesichts der heutigen Livesendung etwas nervös. „Weil man ja auf Betriebstemperaturen kommen muss“ verrät er uns. Er weiß, dass das Lampenfieber ihm hilft, bei so einer Radiosendung konzentriert zu bleiben. Zusammen mit zehn Jugendlichen aus drei Schulen aus dem Elsass moderiert Valentin heute eine Live-Sendung aus dem Europaparlament. Dabei befragen die Jugendlichen zwei Abgeordnete des Europaparlamentes – Godelieve Quisthoudt-Rowohl (CDU) und Bernd Lange (SPD) –  live zu kritischen Themen. Auf dem Programm der heutigen Sendung stehen die Themen „Obdachlosigkeit, Europa nach dem Mauerfall sowie die Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie“ erklärt uns Valentin.

Seit zwei Jahren engagiert sich der mit Deutsch und Französisch zweisprachig aufgewachsene Schüler beim Schülerradio „Geschwister-Scholl-Antenne“. Hier führte er bereits Liveinterviews und produzierte eigene Radiobeiträge. Valentin, der sich besonders für politische Themen interessiert, hat anspruchsvolle Zukunftspläne: in Berlin Geschichte studieren und mit Praktika Erfahrungen bei Radiosendern sammeln. Auch seine Freunde bestätigen ihn: „Du hast eine richtige Radiostimme“. Als letztes Jahr Pia Masurczak und Matthieu Cuisnier von Radio Dreyeckland an seiner Schule das Projekt „Radio Grenzenlos“ vorstellten, war er sofort Feuer und Flamme. Eine Radiosendung zu moderieren, „die man sogar auf der Autobahn hören kann“ war für ihn ein Novum – ebenso wie die Teamarbeit mit völlig unterschiedlichen Jugendlichen auf Deutsch und Französisch. Mit Jean und Kevin, die heute aus Freiburg angereist sind, scheint sich Valentin prächtig zu verstehen. Er findet die beiden trotz des Altersunterschiedes „zwischenmenschlich tipp top“.

10 Uhr bis 12 Uhr: Recherche und Telefoninterviews

Jean und Kevin sind zusammen mit ihrer Lehrerin Sunniva Gern aus Freiburg nach Straßburg gekommen. Die beiden Schüler besuchen dort die neunte Klasse von der Vigeliusschule-Gemeinschaftsschule. Besonders für Kevin wird die Erfahrung spannend, da er erst seit vier Jahren in Freiburg lebt, nachdem seine Eltern aus Tschechien nach Deutschland gezogen sind. Am Vormittag bereiten die beiden Freiburger Schüler ihre Interviews für die spätere Live-Sendung vor: Jean darf in den Tonstudios des Europaparlaments eine Telefoninterview mit Oliver Martis von der Freiburger Straßenzeitung „Freie Bürger“ führen. Der wird ihm erklären, wie sich die Obdachlosen-Situation in Freiburg in den letzten Jahren verändert hat.

Kevin war im Vorfeld schon in Freiburg unterwegs – bei Straßeninterviews fragte er Menschen nach ihren Bekleidungsmarken sowie eine Mitarbeiterin des Freiburger Fairtrade-Laden Zündstoff darüber, was fair produzierte Kleidung eigentlich ausmacht. Heute muss er zu den Straßeninterviews noch die Anmoderation texten und sich Fragen an den Vorsitzenden des Handelsausschusses des Europäischen Parlaments, Bernd Lange, überlegen.

Die Gruppe der französischen Schüler macht sich derweil an ihr Thema „30 Jahre Mauerfall“. Die Begleitlehrer des Collège François Villon à Mulhouse legen großen Wert darauf, dass ihre Schüler heute möglichst viel Deutsch reden. „Leider sieht unser Lehrplan recht wenig Sprechanlässe vor, bei dem sie ihre Deutsch-Kenntnisse beweisen müssen“ erklärt uns Lehrerin Audrey Chapuis.

13 Uhr bis 16 Uhr: Ansagen texten und Redaktionsmeeting

Im Untergeschoss des Europaparlaments steht jedem Journalisten ein eigener Arbeitsplatz mit Touchscreen, Ladestation und Internetanschluss zur Verfügung. Unter Anleitung der Radio Dreyeckland-Mitarbeiter suchen die Schülerinnen und Schüler weitere Fakten und Zahlen zu ihren Themen. Auf statista.de erfahren Valentin, Jean und Kevin, dass die Textilindustrie im Jahr 2019 weltweit fast 350 Milliarden Euro Umsatz macht. Dass Tausende von Menschen in Südostasien diese Textilien unter unwürdigen Umständen produzieren müssen und dass in Europa produzierte Ware nicht unbedingt nachhaltiger ist, sind weitere Fakten, die in Texte einfließen.

Nach einer kurzen Mittagspause im Journalisten-Bistro halten die jungen Radiomacher ein gemeinsames deutsch-französisches Redaktionsmeeting, bei dem der Zeitplan der Sendung minutiös festgelegt wird. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich merken, wann welches Interview stattfindet und wer welche Anmoderation macht. Zum Schluss erklärt Pia Masurczak den Jugendlichen, dass sie den Technikern per Handzeichen signalisieren sollen, dass der nächste Einspieler oder das nächste Musikstück kommt. Man spürt, dass bei den Jugendlichen langsam die Aufregung steigt. Um sich abzulenken, wird lautstark rumgealbert.

16 Uhr bis 17 Uhr: die Live-Sendung

Kurz vor der Sendung treffen sich die Schülerinnen und Schüler in der „Voxbox“ – einem zentral gelegenen Punkt im Parlament, von dem aus dem Journalisten aus aller Welt live ihre Moderationen, Kommentare oder Interviews senden. Direkt hinter der „Radio Grenzenlos“-Gruppe wird gerade die griechische Sendung „24 Hours Europe“ aufgezeichnet. Quer gegenüber bereitet eine englische Journalistin ihren Livekommentar zu den heutigen Plenarsitzungen vor. Heute, am 13. März 2019, stehen u. a. eine Abstimmung zur „Bekämpfung feindseliger Propaganda vor der Europawahl 2019“ sowie eine Debatte zu den „Handelsverhandlungen zwischen EU und USA“ auf der Tagesordnung.

Zu letzterer Frage wird heute Bernd Lange, von der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament, eine Empfehlung abgeben. Mit dem Einstiegssatz „We won’t negotiate with a gun to our head “ wird er dafür plädieren, die Handelsgespräche mit der US-Regierung unter Präsident Trump nur auf Augenhöhe zu führen und „nicht unter Erpressungsdruck“. Im Anschluss an sein Plädoyer hat Bernd Lange von genau 16:44 Uhr bis 16:50 ein Live-Interview mit Radio Grenzenlos in der Voxbox eingeplant. Als Vorsitzender des Handelsausschusses des Europäischen Parlaments setzt er sich für faire Lohnbedingungen in der globalen Textilindustrie ein. Genau dazu hat Kevin heute Vormittag recherchiert. Nun möchte er von Bernd Lange erfahren, warum er sich für fairen Handel einsetzt und welchen Einfluss das Parlament überhaupt auf die Produktionsbedingungen in der Textilindustrie hat.

Das Interview mit dem Abgeordneten Bernd Lange

Der Abgeordnete erklärt, dass es ihm darum geht, „Gerechtigkeit in die ganze Lieferkette zu bringen, damit wirklich alle vom Handel profitieren.“ Leider ist der Wohlstand, der durch den Handel mit Textilien entsteht, sehr ungleichmäßig verteilt. Die EU hat deswegen u. a. gegenüber Usbekistan durchgesetzt, dass Kinderarbeit bei der Baumwollernte verboten wird und Bangladesch zu einer Verdoppelung des Mindestlohnes gezwungen. Kevin hat einen Einspieler mit Bernd Hinzmann vom INKOTA-netzwerk parat, der fordert, dass die Sorgfaltspflicht für Unternehmen, sich für faire Produktionsbedingungen einzusetzen, gesetzlich verankert werden und dass das EU-Parlament stärker Druck ausüben muss. Bernd Lange gibt zu, dass ein gemeinsames EU-Gesetz fehlt und „noch ein wenig Arbeit vor uns ist“, weil die OECD-Richtlinien bislang zu wenig sind. Kevin lässt nicht locker und will wissen, wie lange es dauert, bis das Gesetz kommt. „Ein, zwei Jahre“ schätzt Bernd Lange, denn solange hat es auch beim Gesetz zur Regulierung der Mineralstoff-Produktion gedauert. Nach einem freundlichen „Danke für das Interview“ herrscht kurz Stille. Keiner der Moderatoren weiß, wie es weitergeht. „Soll ich noch ein bisschen was erzählen?“ fragt Bernd Lange. Pia Masurczak eilt herbei und zeigt Kevin den richtigen Text zur Abmoderation.

Bernd Lange, der sich nach dem Radiointerview per Handschlag bei den Jugendlichen verabschiedet, ist von ihrem journalistischen Talent angetan: „Die haben das gut gemacht. Es war ja live, sie waren etwas nervös. Aber insgesamt klasse!“ Auf die Frage, welchen Nutzen solche Medienkompetenz-Projekte für die Politik haben, hat der Europaabgeordnete eine klare Antwort: „In Zeiten, in denen Jugendliche kaum noch Zeitung lesen und nur noch Social Media als Informationsquelle genutzt wird, ist es eminent wichtig einen direkten Kontakt zur Politik zu haben. Insofern sollten Jugendliche direkt an Politiker und Politikerinnen ran und sie direkt befragen.“

Nach einem obligatorischen Gruppenfoto ist allen Radiomachern Erleichterung anzumerken. Lehrerin Sunniva Gern ist von ihren Sprösslingen positiv überrascht: „Man hat gemerkt, dass sie alles gegeben haben und innere Ängste überwunden haben“. Sie glaubt, dass ihre Schüler heute viele neue Erfahrungen mitgenommen haben und auch bei der nächsten Sendung deutlich routinierter sein werden. Auch die Macher von Radio Dreyeckland sind zufrieden – trotz kleine Schnitzer bei der Anmoderation. „Kleine Fehler kommen immer vor – die machen auch den Charme der Sendung aus“ erklärt Pia Masurczak. Ihr Resümee: „Dafür das die Jugendlichen nicht dafür ausgebildet sind, machen sie richtig gute Interviews.“ Auch Kevin ist sichtlich erleichtert: „Ich fühl mich jetzt super nach dem Interview. Es hat total Spaß gemacht. Der Politiker war echt cool drauf!“ Auch sein Freund Jean will nächstes Mal „definitiv wieder mit dabei sein“.

Das Projekt Radio Grenzenlos wird mit Unterstützung des Medienkompetenz-Funds der Initiative Kindermedienland durchgeführt. Dieses Förderprogramm unterstützt Maßnahmen, die die Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Baden-Württemberg nachhaltig stärken. Dabei soll die Vorreiterrolle des Landes Baden-Württemberg im Bereich innovativer und kreativer Medienkompetenzprojekte unterstrichen werden.

Kontakt

Geschäftsstelle der Initiative Kindermedienland Baden-Württemberg
Breitscheidstraße 4
70174 Stuttgart

 

Ulrike Karg
0711 / 90715 - 311
karg@mfg.de

 

Clara Baker
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