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Wie eine Theater-AG Falsch-Meldungen entlarvt

Trau dich! - Im Auge des Betrachters (Freies Theater Tempus Fugit e.V.)

Wie eine Theater-AG Falsch-Meldungen entlarvt

Das Internet ist voller Nachrichten, deren Wahrheitsgehalt nur schwer erkennbar ist. Wie sollen Heranwachsende die Flut an Nachrichten und Fake News richtig einordnen? Drei angehende Theaterpädagogen aus Lörrach wollen die Aufmerksamkeit von Jugendlichen schärfen: mit Schauspiel, Drehbuchschreiben und selbstproduzierten Falsch-Meldungen. Wir haben mit ihnen die Theater-AG der August-Macke-Schule Kandern besucht und gestaunt: Die Jugendlichen wissen weit mehr über Fake News, als Erwachsenen denken.

Ausgestattet mit einer Video-Kamera und einem Tisch-Beamer fahren wir mit Niklas Lehmann, Yusuf Röben und Jakob Lehner Freitagnachmittags Richtung Kandern. Die drei absolvieren momentan ihr Jahrespraktikum beim Theater Tempus fugit in Lörrach, das an die „Grundlagenausbildung Theaterpädagogik BuT“ gekoppelt ist. Während ihres Praktikums lernen sie alles über Schauspiel, Theaterpädagogik und Projektmanagement. Während der Fahrt berichteten sie über ihre Ausbildung und ihr Fake-News-Projekt.

Theaterstücke thematisieren Mobbing, sexueller Belästigung oder Zivilcourage

Der 20-jährige Niklas, der für die Ausbildung extra aus der Brandenburg nach Lörrach zog, ist über die regulären Arbeitsstunden hinaus bei Tempus fugit involviert: Neben Abendvorstellungen ist er jede Woche vier oder mehr Stunden bei Theater-AGs oder Vorführungen direkt mit den Jugendlichen in Kontakt. Viele der Theaterstücke beschäftigen sich mit ernsten Themen – Mobbing, sexuelle Belästigung oder mit Zivilcourage. Die Jugendlichen erleben in gestellten Szenen Situationen, bei denen sie selber entscheiden können, wie es weiter geht und wie sie eingreifen wollen. „Danach kommt man mit ihnen ganz leicht über ihre eigenen Erfahrungen ins Gespräch.“ berichtet Niklas.

Falschnachrichten produzieren bedeutet Falschnachrichten verstehen

Mit genau dieser Mischung aus Schauspiel, Workshop und Filmarbeit wollen die drei angehenden Theaterpädagogen das Thema „Fake News“ bearbeiten. Die nächsten zehn Freitagnachmittage fahren Sie zur August-Macke-Gemeinschaftsschule nach Kandern, um dort mit der Theater-AG Videofilme zu drehen. Innerhalb von zehn Stunden wollen sie schauspielerische Grundlagen vermitteln, „Fake News“-Beispiele anschauen, ein Drehbuch schreiben und letztendlich Videos drehen. Der Hintergedanke: durch das eigene Manipulieren der Bilder sollen die Jugendlichen für falsche Informationen sensibilisiert werden.

Zur Beginn spielen die Schülerinnen und Schüler Menschenschach - der Lärmpegel sinkt fast auf Null.

Fake News-Beispiele vom WDR: russische Panzer in der vermeintlichen Ukraine

Die zehn Schülerinnen und Schüler im Alter von zwölf und 14 Jahren nehmen freiwillig an dem Projekt der Theater-AG teil. Mit Bewegungsspielen und freien Übungen dürfen sie ihre überschüssige Energie loswerden, denn heute erwartet sie ein längerer Vortrag zu einem ernsten Thema. Auszubildender Niklas hat eine Präsentation vorbereitet, um an echten Beispielen aus den Fernsehnachrichten zu erklären, was Fake News sind. Im ersten Fall wird die Berichterstattung des WDR im Jahre 2014 behandelt. Fotoaufnahmen von Panzern sollten damals untermauern, dass russische Truppen in der Ostukraine kämpfen. Die Original-Bilder stammten allerdings von einer Truppenübung 2009 im Kaukasus. Der wiederum befindet sich auf den Territorien Russlands, Georgiens, Armeniens und Aserbaidschans.

Was Heranwachsende von den Nachrichten erwarten: die Wahrheit

Bei einem zweiten Beispiel sehen die Schülerinnen und Schüler eine Tagesthemen-Moderatorin vor einem angeblich vollen Stadium stehen: Aufnahmen die veranschaulichen sollen, dass bei einer Kundgebung im Donezker Stadion Menschenmassen für eine geeinte Ukraine demonstrieren. Die Jugendlichen sollen raten, ob das Stadium wirklich voll ist. Die Schülerinnen und Schüler grübeln, erste Vermutungen bleiben vage. „Das kann man gar nicht feststellen, weil man nur einen Teil vom Ganzen sieht.“, meldet sich ein Schüler. Eine Schülerin bemerkt, dass beim genaueren Hinsehen leere Stühle erkennbar sind. „Das war gar nicht so voll“, vermutet sie. Die Auflösung: Oligarch Rinat Achmetow versammelte ca. 500 Leute im Stadion von Schachtjor Donezk, um öffentlich zu zeigen, dass viele Ukrainer für ein vereintes Land zusammen gekommen sind. „Aber so falsch war das gar nicht. Die wollten doch dem Land Hoffnung machen.“ wendet ein 13-Jähriger ein. Mentor Niklas will wissen, was die Schülerinnen und Schüler von den Nachrichten erwarten. „Die Wahrheit“ meldet sich ein älterer Schüler wie aus der Pistole geschossen. Kurz ist es ruhig im Raum. Die Schülerinnen und Schüler scheinen darüber nachzudenken, was für eine Funktion eine offizielle Nachrichtensendung erfüllt und was passiert, wenn sie dem nicht gerecht wird.

Es wird geraten, ob Fotos echt oder gefälscht sind. Die Photoshop-Tricks sind den Schülern bereits bekannt.

Jugendliche erkennen mit Photoshop bearbeitete Bilder auf Anhieb

Auch beim letzten Beispiel sind die Schülerinnen und Schüler aufmerksam bei der Sache. Auf der Leinwand erscheinen zwei ähnliche Bilder, von soeben abgefeuerten Mittelstrecken-Raketen. Auf dem einen Bild sind ein paar Rauchschwaden mehr zu erkennen. Was auf den Bildern zu erkennen sei, werden die Jugendlichen gefragt. „Ich wette, das eine Bild wurde gephotoshopt. Schau mal die Rauchwolke an.“ ruft einer der älteren Teilnehmer. Das Raten geht weiter. „Ich finde, dass zweite Bild sieht einfach besser aus, wenn alle Raketen gleichzeitig fliegen.“, findet einer der Teilnehmer.

Am Ende die Auflösung von Niklas: „Das erste Bild entstand 2008, als der Iran Raktetentests durchführte.“ Die zusätzlichen Rauchschwaden auf dem zweiten Bild sollen beweisen, dass alle Raketen erfolgreich abgefeuert wurden. Dafür wurde das Bild nachträglich bearbeitet um die gewünschte Aussage zu untermauern. Der Schüler mit der Photoshop-Theorie ist sichtlich stolz auf sich. Ein Schüler kann an der Bildbearbeitung nichts Schlechtes abgewinnen. „Wenn ich der Iran wäre, hätte ich das genauso gemacht, damit sie mehr Angst vor mir haben“ meint er.

Niklas erklärt am Fall der Krim-Krise, wie Pressebilder in falsche Zusammenhänge gebracht werden.

Youtuber klären über Fake News auf

Der Theaterpraktikant Yusuf fragt nach, woher die Jugendlichen wissen, dass Bilder manipuliert werden können. „Das hat Julien Bam (ein deutscher Youtuber, Anm. der Redaktion) in seinem Kanal erklärt.“ Die drei angehenden Theater-Pädagogen sind begeistert, wie viele Vorwissen die Schüler bereits mitbringen. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie so gut die Wirkungen von Bildmanipulation erfassen können“ freut sich Niklas. „Was sie von Nachrichten erwarten, wollen wir in den nächsten Stunden nochmal thematisieren“, beschreibt er das weitere Vorgehen. In den nächsten Einheiten soll die Theater-AG lernen, wie man mit dem Blickwinkel arbeiten kann, um manipulative Effekte zu erzeugen.

Die fertigen Videos sollen im Rahmen, der Spotlight-Veranstaltung am Theater Fugit vorgeführt werden. Hier zeigen alle Theater-AGs von Tempus fugit ihre Ergebnisse. Das Fake-News-Projekt an der August-Macke-Schule wird mit Unterstützung des Medienkompetenz-Funds der Initiative Kindermedienland durchgeführt. Dieses Förderprogramm unterstützt Maßnahmen, die die Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Baden-Württemberg nachhaltig stärken. Dabei soll die Vorreiterrolle des Landes Baden-Württemberg im Bereich innovativer und kreativer Medienkompetenzprojekte unterstrichen werden.

Rund ums Thema Informationskompetenz und Fake News steht Ihnen die medienpädagogische Beratungsstelle am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg zur Verfügung. Sie bietet auch Workshops mit Schülerinnen und Schülern u.a. zum Thema Fake News an. Für diese Workshops können Sie sich online anmelden: https://101schulen.kindermedienland-bw.de/de/startseite/anmeldung/

Kontakt

Geschäftsstelle der Initiative Kindermedienland Baden-Württemberg
Breitscheidstraße 4
70174 Stuttgart

 

Ulrike Karg
0711 / 90715 - 311
karg@mfg.de

 

Laura Jaenicke
0711 / 90715 - 348
jaenicke@mfg.de